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Monat: Mai 2020

Die Lage in Lorenzkirch kurz vor Ende des 2. Weltkrieges

Die Lage in Lorenzkirch kurz vor Ende des 2. Weltkrieges

Bereits im Februar 1945 errichtete die deutsche Wehrmacht eine Pontonbrücke als Elbübergang zwischen Lorenzkirch und Strehla. Diese sollte die Riesaer Elbbrücke entlasten. 

Flüchtlingsströme, Wehrmachtsangehörige, Kriegsgefangene und KZ- Häftlinge, von ihren Bewachern angetrieben, nutzten hier die Möglichkeit, die Elbe zu überqueren.

Am 22. April lagerten Zehntausende von Menschen auf den Elbwiesen, in den Gärten und auf den Höfen in Lorenzkirch, aber auch in der näheren und weiteren Umgebung des Dorfes. Sie waren mit Pferden, Wagen, Fahrrädern und zu Fuß mit Kindern an der Hand, teilweise mit Kinderwagen, von Schlesien, der Gegend um Guben , Lauchhammer, Elsterwerda, Bad Liebenwerda gekommen. Alle hofften, das westliche Elbufer zu erreichen. 

Doch die Pontonbrücke war an diesem Tag durch einen Elbkahn teilweise zerstört worden und konnte erst ab 17.00 Uhr wieder passiert werden. Die beiden Fähren beförderten ohne Unterlass Menschen über die Elbe, doch sie waren diesem ungeheuren Ansturm nicht gewachsen. Die Menschenmassen stauten sich mehr und mehr.

Gegen 20.00 Uhr rückte die Front immer näher und all diese Menschen gerieten in das Feuer der Roten Armee und der sich zurück ziehenden Wehrmacht. Ein unbeschreibliches Chaos brach aus.

Alles stürmte schreiend und voller Angst auf die Brücke zu, obwohl deren Mittelteil schon ausgefahren war. Die Warnung vor der Sprengung der Brücke wurde von den nachdrängenden Menschen nicht wahrgenommen. 

Gegen 20.30 Uhr wurde diese mit den sich darauf befindlichen Menschen von der Wehrmacht in die Luft gesprengt . Viele ertranken in der Elbe, Hunderte starben im Kugelhagel und durch Granaten, obwohl sie verzweifelt versucht hatten, Schutz zu finden. Erst nach Beruhigung der Kampfhandlungen am 24. April konnte begonnen werden, die Getöteten zu begraben. Den Helfern bot sich ein furchtbar grauenhaftes Bild auf den Marktwiesen, am Fährweg und in den Splittergräben. Überall umgestürzte Wagen, Kinderwagen, ein ausgebrannter Sanitätsbus und entsetzlich zugerichtete getötete Menschen sowie Tiere.

Es wird geschätzt, dass etwa 400 Menschen hier den Tod fanden.

Quelle: Heinz Schöne „Das Jahr 1945 in Lorenzkirch und Umgebung“

            SZ- Artikel aus dem Jahr 2001

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„Das Jahr 1945 in Lorenkirch und Umgebung“    Heinz Schöne

Februar 1945 Pontonbrücke Strehla Lorenzkirch

Flüchtlingsströme aus Schlesien, Wehrmacht, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge

 Mitte April: Angriffe der anglo-amerikanischen Tiefflieger 

  1. April: ungeheure Menschenmengen, H. Schöne spricht von etwa 10 000, in Richtung Elbe-Pontonbrücke, alle Zufahrtsstraßen hoffnungslos verstopft, überall auf Höfen Gärten, Elbwiesen Flüchtende,

 Brücke gesperrt, weil einige Teile der Brücke durch Lastkahn und LKW zerstört-, Menschenmengen stauten sich, Brücke unpassierbar Zehntausende lagerten auf den Elbwiesen

gegen 20.00 Uhr Lorenzkirch gestürmt vom Oberdorf bis Friedhof Flüchtende geraten in Panik , stürzen schreiend zur Fähre,

20.30 Uhr werden in Brückenmitte Teile entfernt und Rest der Brücke voller Menschen wird gesprengt, um Rote Armee aufzuhalten, Warnrufe wurden von Nachdrängenden nicht wahrgenommen, entsetzliches Chaos entstand, Menschen kamen in Schusslinie der roten Armee und der sich zurückziehenden Wehrmacht, versuchten verzweifelt Schutz zu finden, Hunderte getötet durch Granaten, Kugelhagel oder Ertrinken 

23. April: Aufforderung Bewohner, Dorf wegen einsetzender Kampfhandlungen zu verlassen, 

  1. April: Situation im Dorf; kaum Dorfbewohner zu sehen auf Straße,  bot sich Grauenvolles auf Wiesen und am Fährweg, überall umgestürzte Wagen und Kinderwagen sowie tote Menschen und Tiere, genaue Zahl der Toten nicht abschätzbar
  2. H. Schöne: „über 200 Menschen und 150 tote Tiere begraben, in Massengrab auf Friedhof 51 Personen verschiedener Nationalität, insgesamt etwa 400Tote“ 
  1. April: gegen Mittag auf Strehlaer Seite erste Jeeps, Amerikaner setzen auf  Lorenzkircher Seite über, erste Begegnung zwischen der Roten und der amerikanischen Armee

Quelle: SZ vom 25.04.2010

Anmerkung: Heinz Schöne war der Ortschronist Lorenzkirchs und hat als 15 jähriger dieses grauenvolle Szenario mit erlebt.

Endlich Frieden! Keiner feuert mehr von Westen und niemand feuert mehr von Osten- niemand.“  Alexander Olschanski

Von Stalin und Truman war das erste Treffen zwischen der Roten Armee und der US-Armee für den 27. April 1945 geplant. Jedoch wurden von amerikanischer Seite( 69. US-Division) am 25. April zwei Patrouillen ausgeschickt, um zu erkunden, wo sich Soldaten der Roten Armee befänden. Dabei sollten sie die vorgegebene Grenzlinie nur um 10 km überschreiten.

Doch als Lieutnant Albert Kotzebue erfährt, dass die Rote Armee schon bis zum östlichen Ufer der Elbe vorgestoßen war, legte er diese Weisung sehr großzügig aus. Er beschloss weiterzufahren. Seine Leute waren begeistert und so gelangten sie gegen Mittag in Strehla an. Am gegenüberliegenden Elbufer  auf den Wiesen des Dorfes Lorenzkirch entdeckten sie Angehörige der Roten Armee und gaben das vereinbarte Zeichen, grüne Leuchtraketen, ab. Von der anderen Seite wurden sie aufgefordert, die Elbe zu überqueren. 

Die von der Wehrmacht errichtete Pontonbrücke ragte am Ostufer weit in den Fluss hinein, auf der Seite Strehlas  aber war sie völlig zerstört. Mit einer an der Elbe liegenden Schaluppe, dessen Kette vorher mit einer Granate gesprengt wurde, gelangten sechs von  Kotzebues  Leuten unter größter Mühe gegen 12.30 Uhr ans andere Ufer. Unter diesen waren außer ihm noch die Gefreiten  Ruff und Wheeler, der Soldat Hamlin, der Sanitäter Kowalski und der Gefreite J. Polowski sowie ein Pole.

Alexander Olschewski warf ihnen zum Anlegen eine Leine zu.

A. Kotzebue: „ … und begrüßten Sergeant Olschanski, Oberstleutnant Grigori Goloborodko, seinen Kompaniechef und einen Bildreporter im Range eines Hauptmannes. Um zu den russischen Soldaten zu kommen, die zu unserer Begrüßung herbeikamen, mussten wir buchstäblich knietief durch die Leichen deutscher Flüchtlinge waten,…“

Die Soldaten beider Nationen umarmten sich, tranken gemeinsam und waren voller Freude über das nahe Ende des Krieges. Sie versprachen sich, alles zu tun, damit es solch einen Krieg nie wieder gäbe. Laut Joe Polowski hatten viele, angesichts dieses zwanglosen und feierlichen Augenblicks, Tränen in den Augen. 

J.Polowski: “In diesem historischer Augenblick des Treffen zweier Nationen schworen alle anwesenden Soldaten, Amerikaner und Russen, dass sie alles in ihren Kräften Stehende tun würden, damit so etwas nie wieder der  Welt geschehe. Wir versprachen einander, dass die Nationen unserer Erde in Frieden leben sollten und müssen. Das war unser “Schwur an der Elbe.“

Leutnant Kotzebue erklärte unter anderem auch dem herbeigeeilten Oberstleutnant Alexander Gordejew (Vorausabteilung des 175. Garde-Schützen-Regiments), dass er den Auftrag habe, ein Treffen der Befehlshaber beider Armeen zu ermöglichen.

Daraufhin  erhielt er die Order, von russischen Offizieren begleitet nach Strehla zurückzurudern, um etwa 3 km weiter nördlich die Elbe mit einer Fähre zu überqueren, um dort mit dem russischen General zusammenzutreffen. Es handelte sich um Generalmajor Wladimir Russakow, Kommandeur der 58. Gardeinfanteriedivision.

So fand das erste offizielle Treffen zwischen der Roten Armee und der US-Armee gegen 13.30 Uhr in Kreinitz statt.

Wenige Stunden später um 15.30 Uhr traf die Patrouille unter Lieutnant  William Robertson in Torgau auf Soldaten der Roten Armee. Er erinnerte sich an seine Gedanken in diesem Moment: „Wir alle werden die nächsten Stunden erleben, den nächsten Tag.“

Text-Quellen: „ Yanks treffen Rote“  Militärverlag der DDR „Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in Strehla“ Heimatgeschichte von Strehla“               ebenfalls aus beiden Büchern, aufgenommen von A. Ustinow aus der Broschüre „Two memorable Meetings“ Moscow 1975

     

in Publik domain-gemeinfrei s. oben; Quelle:Uwe Niedersen:Elbe link-up, Photo Repord (2005)/National Archives Washington D.C. USA
Amerikanische Patrouille legt am Strehlaer Ufer ab, um nach Lorenzkirch ( im Hintergrund) zu rudern


Zitat: „ Am Ufer wurden sie von den sowjetischen Soldaten und Offizieren sowie einem Frontkorrespondenten empfangen. Sowohl unsere Soldaten salutierten erst einmal, aber dann passierte Folgendes; man schloss sich voller Freude in die Arme, küsste sich und die Schnapsflasche machte zur Begrüßung die Runde.“
J Polwski:“ Es war ein sehr feierlicher Augenblick. Den meisten standen die Tränen in den Augen.“

2. Augenzeugenberichte

Joe Polowsky     Quelle:“Yanks treffen Rote „  Militärverlag der DDR

gegen 11.30 Uhr ; bei Strehla auf russischer Seite Rest einer Stahlbrücke weit in die Elbe hinein, Strehlaer Seite ein Lastkahn u. zwei Segelboote gesichert mit schweren Ketten, Kotzbue sprengte mit Handgranate, ruderten zu Sechst hinüber, drei russische Soldaten kamen , rechts und links war alles mit Leichen bedeckt-Frauen, Kinder, alte Männer-

Russen mussten sich durch Leichen hindurch kämpfen 

     

J. Polowski stehend in Bildmitte

   



Leutnant Albert Kotzebue (Buck)


…, die nördlich von Strehla zur Elbe führt. Wir machten den Strom aus … und blickten angestrengt über ihn hinweg. Ich sah die Überreste einer Pontonbrücke und die Wracks einer Fahrzeugkolonne auf einer Landstraße, die parallel zum Ufer verlief. …

    

Grigori Goloborodko erzählte, dass zu seiner Division 20 000 Soldaten gehört haben, nur acht davon erreichten die Elbe.


A. Kotzebue berichtete ihm , dass er mit seinen Männern von Trebsen käme und den Auftrag hätte, ein Treffen mit den sowjetischen und amerikanischen Befehlshabern zu arrangieren.

Ehrendes Gedenken

Grigori Prokopjew

„ Der Krieg ist dem Menschen wesensfremd. Niemand möchte sterben. Ich glaube und hoffe, dass der Geist der Elbe triumphiert und der Friede den Krieg besiegt.“

Quelle: „Die letzten Tage des Zweite Weltkrieges in Strehla“ Heimatgeschichte von Strehla

Ehrendes Gedenken

Gedenkplatte auf dem Nationalfriedhof in Arlington, Virginia, USA, für die Begegnung US-amerikanischer und sowjetischer Truppen bei Torgau im 2. Weltkrieg

Joe Polowskis Grab in Torgau
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Diese Tafel wurde anlässlich des 70. Jahrestages der Erstbegegnung am Weg zur Fähre nach Strehla enthüllt. An der Alten Salzstraße in der Nähe des Friedhofes wurde im April vor 25 Jahren, also zum 50. Jahrestag, ein Gedenkstein aufgestellt; siehe dritte Fotoreihe vorletztes Foto.
Erinnerung an die Opfer der letzten Kriegstage auf dem Friedhof Lorenzkirchs, niedergelegt am 23. April 2015